Der Tegeler See

Die landschaftliche Idylle des Tegeler Sees übt seit Jahrzehnten einen besonderen Reiz auf die Berliner Bevölkerung aus. Zahlreiche Inseln durchsetzen hier die Wasserfläche, und die endlose Zahl der Wochenendausflügler, die Jahr für Jahr auf den Fahrgastschiffen oder in privaten Sportbooten über die Havelwogen gleitet, ist von dieser Naturkulisse begeistert. Der See mit seinen Inseln ist ein Paradies für Wassersportler.
Als Lebensraum für Pflanze und Tier hat er darüber hinaus eine ebenso große Bedeutung erlangt wie als Wander- und Erholungsgebiet für die Menschen dieser Stadt.
Nach den letzten Peilungen hat das Gewässer zwischen den Halbinseln Reiher- und Gänsewerder seine größte Tiefe mit 16 Metern. Die durchschnittliche Wassertiefe liegt bei einem Seeinhalt von rund 32 Millionen Kubikmetern bei etwa 7,90 Meter. Insgesamt umspannt die Uferlinie des Tegeler Sees eine Fläche von 461 Hektar, von denen 53 Hektar auf die sieben Inseln im See entfallen
Dass der Tegeler See in früheren Jahrhunderten eine starke wirtschaftliche Bedeutung erlangt hat, ist leicht vorstellbar. Ebenso wichtig wie der Fischreichtum des Gewässers war über Jahre hinaus auch die landwirtschaftliche Nutzung der einzelnen Inseln.

Die Insel Valentinswerder

Mit etwa 13 Hektar Grundfläche ist Valentinswerder die zweitgrößte Insel im Tegeler See. Sie liegt im Südwesten des Gewässers, in einer flächenartigen Ausbuchtung der Havel, die in Tausenden von Jahren durch das Wasser ausgekolkt wurde. Ihr stadtgeographischer Standort ist die Mitte zwischen dem Reinickendorfer Bezirksteil Tegelort und der Spandauer Gemarkung Salzhof. 1931 unterstand die Insel noch dem Verwaltungsbezirk Spandau, der sie in den darauf folgenden Jahren infolge Neuregelung der Bezirksgrenzen an Reinickendorf abtreten musste.

Valentinswerder - einst Emigrantendomizil

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts trat Valentinswerder erstmals in das Licht der Öffentlichkeit, und dies in einer Aufsehen erregenden Weise: Nach Mitteilungen des damaligen Inseleigentümers P. Haberkern im Monatsblatt "Brandenburgia" wurde das Eiland im Jahre 1751 von der kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer dem steiermärkischen Emigranten Philipp Schupfer zur Nutzung überlassen. Vor diesem hatte das Amt Spandau aber ausdrücklich gewarnt, da der neue Kolonist ein Trinker war und daher leicht auf der Insel verunglücken konnte. Die königlich preußische Regierung nahm daran aber keinen Anstoß und meinte, das Trinken sei Schupfers Privatvergnügen. Doch das so fürsorglich denkende Amt Spandau sollte recht behalten, denn bereits ein Jahr später trank er nicht nur, sondern er ertrank.
Als dann am 20. 12. 1757 die Insel Schupfers Sohn Josef übertragen wurde, begann das Spiel von neuem. Wiederum erhob das Amt vergebliche Einwände beim Fiskus, denn Josef Schupfer war dem Alkohol ebenfalls nicht abgeneigt.
Der Junior bezog die Insel, ohne dass vorher irgendwelche Sicherheitsmaßnahmen getroffen wurden. So kam es, dass auch der Sohn blindlings in sein Verderben rannte. Eines Tages verwechselte auch er See und Flasche, Wasser und Alkohol und ertrank.

Nach diesen spektakulären Vorfällen sank die Insel, die übrigens ihren Namen von einem ihrer Vorbesitzer, dem Heiligenseer Bauern Valentin Lemke, erhalten hatte, wieder in einen Dornröschenschlaf. Lediglich die Havelfischer des domänenfiskalischen Fischereibezirks nutzten mit ihren Großgarnzügen Boom, Wederloch und Münche die der Insel vorgelagerte Wasserfläche.

Aber noch einmal sollte Valentinswerder in die Annalen der Berliner Heimatgeschichte eingehen: Um 1840 bezog der Hofopernsänger Heinrich Blume ein kleines Wohnhaus, das so genannte Insel-Etablissement, auf dem Eiland. Zwar schien die Einsamkeit der herrlichen Naturkulisse Blumes künstlerische Leistungen positiv zu beeinflussen, jedoch wirkte sich die Abgeschiedenheit auch negativ aus. Bei schlechtem Wetter kam der Sänger oft zu spät zu den Aufführungen im Opernhaus, so dass sich Friedrich Wilhelm III. eines Tages veranlasst sah, ihm sein altes Jagdhaus in Saatwinkel zu schenken. Dieses Haus war uns als Restaurant "Blumeshof" bekannt.

Valentinswerder - die Landschaftsoase

Aus dem Etablissement auf Valentinswerder wurde zwanzig Jahre später ein Ackergehöft mit je zwei Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. 1894 lebten auf der Insel zwei Schiffsführer, ein Fährmann, ein Restaurateur und ein Rentner. Auch wenn inzwischen eine neue Generation die Insel bewohnt, so ist doch die Zeit hier stehen geblieben. Die wenigen Insulaner leben nach wie vor in einer paradiesischen Landschaft, aber weit entfernt von jeglichem Komfort. Noch immer dominiert hier die Petroleumlampe, der Spirituskocher und das Holzfeuer. Selbst das Trinkwasser wird einem Brunnen entnommen. Die Zeiten aber, in denen Kremserfahrten nach Valentinswerder unternommen wurden, sind vorbei, denn bereits nach dem l. Weltkrieg schloss das Inselrestaurant seine Pforten.
"Valentinswerder - das ist mein Liebhaberstück", schwärmt der heutige Besitzer Werner Haberkern. Der 54jährige hat ein außergewöhnliches Erbe angetreten: 90 Prozent der Fläche gehören
ihm. Haberkerns Urgroßvater Paul, erfolgreicher Bauunternehmer in Berlin, erwarb die Insel 1874. Er ließ eine Landhauskolonie und einen Park anlegen, in der Mitte ein großes Rondell, von dem vier Baumalleen sternförmig abgehen. Im Krieg wurden etliche Gebäude zerstört; die Parkanlage gammelte seitdem vor sich hin.
"Seit Jahren träume ich davon, Valentinswerder wieder im alten Zustand herzurichten", sagt Werner Haberkern. Den Traum hat er jetzt verwirklicht. Die Pflanz- und Bauarbeiten sind in vollem Gange. Weit über 100 Buchen, Kastanien, Linden und Eichen werden gesetzt. Die alten Alleen sind wieder erkennbar.

Valentinswerder - jetzt Seglerparadies

Die restlichen zehn Prozent Inselfläche teilen sich 13 Eigentümer und ein Segelclub. Der Hafen liegt in der Bucht vor Valentinswerder, etwas abseits von der Bundeswasserstraße und damit sehr ruhig. Das Clubhaus steht idyllisch mitten in der Natur. Strom kommt zwar nicht aus der Steckdose, aber aus einem Aggregat und gewährleistet frisches Bier.(Anmerkung: inzwischen gibt es Strom aus der Steckdose, der Fortschritt hielt auch hier Einzug) Kühles Grundwasser kommt aus der Pumpe. Einige der Segler sind zusätzlich Mieter von Laubenparzellen und genießen die Abgeschiedenheit vor allem in der warmen Jahreszeit.
Es versteht sich von selbst, dass sich hier ein besonderes Seglervölkchen gefunden hat: aufgeschlossen dem Segeln als Breitensport, freundschaftlich im Umgang miteinander, mit einer lebendigen Jugendabteilung,
Die Insel ist nur über das Wasser zu erreichen, und zwar mit der Haberkern´schen Personenfähre von Tegelort, Havelspitze und Hakenfelde, sowie von Saatwinkel.